Klaus Müller-Guntau – eine frühe Begegnung mit Karate und Japan
Manche Menschen begleiten uns nur für eine bestimmte Zeit – und hinterlassen dennoch Spuren, die ein ganzes Leben lang sichtbar bleiben. Für mich war Klaus Müller-Guntau ein solcher Mensch.
Als Student wohnte Klaus als Untermieter in der Einliegerwohnung unseres Elternhauses. Für uns war er bald weit mehr als nur ein Mieter. Wir verstanden uns gut, und besonders mich beeindruckte seine lässige, etwas unkonventionelle Art.
Ich war damals etwa 14 Jahre alt. Klaus hatte mehrere Jahre in Japan verbracht und dort die japanische Sprache studiert. Er erzählte immer wieder von diesem für uns damals noch sehr fernen Land, von seinen Erlebnissen, seinen Beobachtungen und Begegnungen. Ich hörte ihm gerne zu.
Und dann war da Karate.

Japan, Anfang der 1970er-Jahre – eine Szene, von der kein Foto geblieben ist.
So könnte Klaus beim Karatetraining unter Hirokazu Kanazawa ausgesehen haben. KI-generierte Rekonstruktion nach seinen späteren Erzählungen und vorhandenen Fotografien. Quelle zum historischen Hintergrund: SKIF Brasil – Hirokazu Kanazawa
Während seiner Zeit in Japan hatte Klaus traditionelles Karate trainiert – bei keinem Geringeren als Hirokazu Kanazawa, einem der bedeutenden japanischen Karate-Meister seiner Zeit. Bei ihm legte Klaus auch die Prüfung zum 1. Dan, zum schwarzen Gürtel, ab.
Für mich war Klaus damit der erste Mensch, durch den Karate überhaupt in mein Leben trat.
Manchmal sah ich ihn irgendwelche für mich damals merkwürdigen Bewegungen machen. Er meditierte auch. Was genau er da tat und was dahinterstand, verstand ich als Vierzehnjähriger vermutlich kaum. Aber es faszinierte mich. Da war etwas Fremdes, Ruhiges und zugleich Kraftvolles, das meine Neugier weckte.
Ich konnte damals nicht ahnen, dass Karate später selbst zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens werden würde und ich eines Tages ebenfalls den schwarzen Gürtel tragen und andere Menschen unterrichten würde.
Viele Jahre später begegneten Klaus und ich uns wieder. Ich war inzwischen selbst Danträger. Wir trafen uns in Oedekoven, und ich lud ihn ein, mich zu einem Training am Sportwissenschaftlichen Institut der Universität Bonn zu begleiten. Es war eine eigentümliche Umkehrung: Nun nahm ich den Mann mit zum Karate, durch den ich als Jugendlicher erstmals mit Karate in Berührung gekommen war.
Klaus‘ Geschichten aus Japan blieben. Eine davon erzählte er mir ausgerechnet am Tag der Beisetzung meines Vaters im Jahr 2009. Es ging um seine Danprüfung bei Kanazawa. Klaus erinnerte sich sinngemäß daran, dass Kanazawa seine technischen Bemühungen durchaus anerkannt, ihm aber zugleich zu verstehen gegeben habe:
„Technik gut – aber noch kein echtes Karate. Es fehlt der Fokus.“
Ob Kanazawa damals genau diese Worte gebrauchte, weiß ich nicht. Aber so hatte Klaus die Begegnung in Erinnerung – und offenbar hatte dieser Satz ihn über Jahrzehnte begleitet. Vielleicht war es gerade das, was Klaus auszeichnete: Er konnte solche Geschichten erzählen, ohne sich selbst zum Helden zu machen. Oft lag darin auch ein wenig Selbstironie.

Als Klaus starb, schloss sich für mich ein Kreis. Mein Bruder Willfrid und ich fuhren nach Berlin, um ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten. Willfrid durfte als Pastor die Trauerfeier gestalten.
Später übergab mir Klaus‘ Witwe seinen Karategi und seinen Karatepass.
Diese beiden Dinge bedeuten mir mehr als bloße Erinnerungsstücke. Sie erinnern mich an einen jungen Mann, der einst aus Japan in unser Elternhaus zurückkam, dort einem Vierzehnjährigen von einer fremden Welt erzählte und ihm – wahrscheinlich ohne es zu ahnen – eine Tür öffnete.
Durch diese Tür bin ich später selbst gegangen.
Klaus war mein erster Kontakt mit Karate. Was damals mit seinen merkwürdigen Bewegungen, seinen Erzählungen aus Japan und meiner jugendlichen Neugier begann, wurde zu einem Teil meines eigenen Lebens.
Sein Karategi und sein Karatepass sind deshalb heute für mich auch ein stilles Vermächtnis.
In dankbarer Erinnerung an Klaus Müller-Guntau.



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