Ein Leben für die Kampfkunst

Ein Leben für die Kampfkunst Interview:Ein Leben für die Kampfkunst Infos zur Person:Udo ReichmannBeruf: Lehrer (Sport, Geschichte, Spanisch)Karate-Do: 3. Dan (schwarzer Gürtel), 3 x Deutscher MeisterTai Chi / Liu He Ba Fa: Lehrer für Hand- u. Waffenformen, 4 x Deutscher MeisterTelefon: 0151 50974086Facebook / Youtube Wie Udo Reichmann seinen Tag beginnt Herr Reichmann, Sie sind…


Ein Leben für die Kampfkunst

Interview:
Ein Leben für die Kampfkunst

Infos zur Person:
Udo Reichmann
Beruf: Lehrer (Sport, Geschichte, Spanisch)
Karate-Do: 3. Dan (schwarzer Gürtel), 3 x Deutscher Meister
Tai Chi / Liu He Ba Fa: Lehrer für Hand- u. Waffenformen, 4 x Deutscher Meister
Telefon: 0151 50974086
Facebook / Youtube

Wie Udo Reichmann seinen Tag beginnt

Herr Reichmann, Sie sind 74 und viele würden Sie vermutlich jünger schätzen. Was machen Sie morgens – und vor allem: Was machen Sie anders als wir?

Ich könnte mir vorstellen, dass es viele Menschen gibt, die so wie ich, nach dem Frühstück und Zeitunglesen Frühsport machen. In meinem Fall heißt das, zuerst 4 unterschiedliche Bauchmuskel-Übungen á 80 Wiederholungen ohne Pause, danach einige Atemübungen und dann etwa 45 min. Dehn- und Strechübungen für den ganzen Körper. Nach einer kleinen Pause und wenn nichts anders ansteht, folgen die Tai Chi Lockerungs- und Standübungen, für weitere 40 min. Diese Übungen sind bereits sehr stark auf die Verbindung von Körper, Geist und Seele ausgerichtet.

Hinzu kommt, ich achte auf ausreichend Schlaf und gesunde Ernährung. Ich esse kein tierisches Fett, außer Fisch, keine Wurst, kein Käse und ich vermeide Zucker. Kein Kuchen, keine Schokolade, kein Eis, oder sonstigen Süßigkeiten,.

Es gibt aber zwei Ausnahme auf die ich mich jedes Mal freue. Kuchen an meinem Geburtstag und Plätzchen an Weihnachten.

Wo bleibt der Kampf im Tai Chi?

Wenn man Sie beim Tai Chi Training beobachtet, sieht das sehr entspannt aus. Wo bleibt denn bei dieser Kampfkunst eigentlich der Kampf?

Jeder der Kampfkunst mit Passion betreibt weiß, das der eigentliche Gegner unsere ureigensten Schwachheiten sind. Schon Gichin Funakoshi, der Begründer des modernen Karate-Do hat betont, dass das Ziel im Karate nicht der Kampf mit dem Gegenüber sondern die „körperliche und geistige Meisterung des Ichs“ ist.

Auch die chinesischen Meister der inneren Kampfkünste betonen diese Einstellung.

Ein berühmter Satz von Cheng Man Ching lautet: „Invest in loss“. Cheng war der Meister der das Tai Chi in den 1960er Jahren im Westen bekannt machte.

Ein Kampfkünstler der in die Niederlage investieren soll? Ist das nicht der Widerspruch schlechthin?

Nein, es ging Cheng darum zu betonen, nicht den übereilten Erfolg zu suchen, nicht vorschnell irgendwelche Bewegungen nachzuahmen, sondern alles daran zu setzen, durch stehtes, oft mühseliges und beharrliches Üben die Kunst bis in kleinste Detail zu lernen und die Lebensenergie Qi zu entwickeln und zu pflegen. Kurz gesagt, nicht der scheinbare schnelle Erfolg, sondern es richtig zu tun, das ist der einzige Maßstab.

Damit das gelingen kann führen wir im Tai Chi die Kampfbewegungen unter anderem auch sehr langsam aus.

Bewegung, Faszien und Gesundheit

Sie sagen, dass diese Übungen sehr stark unsere Gesundheit beeinflussen. Was passiert dabei im Körper – und warum kann man sich dadurch jünger fühlen und fitter sein?

Warum ist Sport gesund? Warum ist Bewegung gesund?

Für mich liegt das Geheimnis unter anderem in unseren Faszien. Faszien bedecken unseren ganzen Körper wie ein unsichtbarer Taucheranzug, Faszien umhüllen jeden Muskel, jedes Muskelfaserbündel, jede einzelne Muskelfaser, Sehnen und Bänder bestehen aus Fasziengewebe.

Ohne das Faszien-System unseres Körpers könnten wir nicht aufrecht stehen. Wie bei einem Zelt sind die Faszien vergleichbar mit den Schnüren die durch ihre Spannung unsere Muskeln und unser Skelett aufrecht halten.

Faszien sind das größte Organ in unserem Körper, viel größer als unsere Haut. Faszien bestehen hauptsächlich aus Elastin und Kollagen. Wie der Name schon andeutet sind diese Eiweißstrukturen zum einen sehr reißfest aber auch sehr elastisch und dehnbar.

Faszien haben unter anderem eine formgebende und schützende Funktion, so wie ein sanftes Korsett. Unser Aussehen wird daher zum großen Teil durch Faszien bestimmt.

Unser Fasziensystem ist auch das größte Sinnesorgan in unserem Körper. Übersäht mit unzähligen Nervenendungen, sog. Propriozeptoren und Schmerzrezeptoren, mehr als in unseren Muskeln vorhanden sind. Diese Nerven geben uns jederzeit Rückmeldung über Haltung, Bewegung und Spannungsverhältnisse, über Druck und Schmerz in unserem Körper.

Man geht inzwischen so weit unser Faszien-System, neben dem Gehirn und dem Rückenmark, als ein Teil der Zentralen Nervensystems anzusehen.

Bei mangelnder Bewegung, schlechter Körperhaltung, bei Stress verfilzt die elastische, netzartige Struktur der Faszien mit der Zeit, verklebt und verhärtet sich. Dieser Pozess wird durch das Alter leider zunehmend verstärkt. Man wird steif und unbeweglich. „Wer rastet der rostet“ – „use it or lose it“. Der Volksmund zeigte hier schon den richtigen Weg.

Faszien erfüllen für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden weitere wichtige Funktionen.

Blut, Lymphe und Bewegung

Es gibt in unserem Körper 2 große Transport- und Kreislaufsysteme. Auf der einen Seite das Blut, etwa 5 – 6 Liter, auf der anderen Seite die Lymphe bis zu 18 Liter, also etwa dreimal so viel wie unser Blut. Wir alle wissen um die Bedeutung der Lymphe und der Lymphknoten für unser Immunsystem.

Es gibt in unserem Körper keine einzige Zelle die mit einem Blutgefäß verbunden ist. Wie das? Wie kommen all die Nährstoffe, Hormone, Enzyme und Mineralien und auch der Sauerstoff dann in die Körperzelle? Wie werden die Abbauprodukte der Zellen, wie werden Krankheitserreger und Schadstoffe bekämpft und beseitigt?

Um es mit einem Bild einfach zu erklären, es befinden sich zwischen den Zellen ein Art Sumpfgebiet, der Fachbegriff lautet Interstitium, in welches das Blut aus den Blutkapillaren einfließt.

Auf der anderen Seite fließt Lymphflüssigkeit in dieses Gebiet ein. Aus diesem sumpfartigen Gebiet entnehmen die Zellen all das, was sie benötigen auf und geben das, was an Abfallprodukten und Schadstoffen anfällt an das Lymphsystem ab.

Das Blut wird duch unsere pumpendes Herz im ganzen Körper verteilt. Je mehr wir uns bewegen um so intensiver. Sauerstoff, Nährstoffe, Hormone und Enzyme gelangen so an die Zellen. Bewegung verstärkt also diesen Austauschprozess des Blutes im Sumpfgebiet.

Was aber ist mit der Lymphflüssigkeit?

Die Lymphe fließt zwischen den Faszien und Muskeln zu den Zellen in dieses Sumpfgebiet ein. Die Lymphe hat aber kein Herz, dass sie durch den ganzen Körper pumpt. Es ist primär die Bewegung der Faszien im Zusammenspiel mit den Muskeln die die Lymphe in alle Bereiche unseres Körpers vereilt. Bewegung ist sozusagen der Herzschlag unseres Lymph- und Immunsystems.

Verspannungen und Verhärtungen, die berühmten Trigger-Punkte, sie betreffen zum großen Teil unser faziales Gewebe. Viele Schmerzzustände haben ihren Ursprung häufig in mangelnder Bewegung, Fehlhaltungen sowie Stresszuständen.

Lernen loszulassen und zu entspannen, Stress abzubauen und sich sanft zu Bewegen sind daher sehr adäquate Mittel den Prozess der Lebensvitalität zu unterstützen und zu fördern.

Was innere Kampfkunst ausmacht

Sie praktizieren sehr intensiv sogenannte innere Kampfkünste. Für jemanden, der davon noch nie gehört hat: Was genau ist das – und was ist daran „innerlich“?

Diese Frage ist kurz kaum zu beantworten.

Es heißt: „Der Zugang zu den Geheimnissen des Tai Chi ist nur ein Zentimeter breit, aber kilometerweit tief“.

Im japanischen Karate-Do oder im Taekwondo, der koreanischen Kampfkunst stehen Schnelligkeit, Explosivität, Gewandheit und Geschicklichkeit in der Ausführung der Kampftechniken im Vordergrund. Sie werden in einem bruchteil von Sekunden durch Muskelkontraktionen und Muskelspannungen erzeugt.

In den sogenannten „innere Kampfkünsten“ wird dieses Prinzip nahezu umgekehrt.

Innere Kampfkunst bedeutet zu aller erst den Blick mental nach innen zu richten, das Gedankenkarussell anzuhalten und das Kopfkino auszuschalten. Dann den Körper zu entspannen und jegliche Muskelkontraktion loszulassen dabei aber auch die richtige Körperstruktur in den Bewegungen umsetzen. Der Flucht-Kampf-Reflex muss neutralisiert werden. Dann gilt es die sanft fließenden Bewegungen bewusst, Zentimeter für Zentimeter mental zu steuern und die Prinzipien von Yin und Yang in Balance und Harmonie zu bringen. Sinken und steigen, öffnen und schließen, komprimieren und dekomprimieren, aktiv und passiv, den Geist fokkusieren oder expandieren. Alles im fließenden Übergang, so wie im Symbol von Tai Chi, dem Taijutsu, die beiden Fische, schwarz und weiß, die sich dann zum vollkommenden Kreis ergänzen. In diesem Zustand füllt sich der Körper nach Jahre intensiven Übens mit Qi, der Energie des Tai Chi, die dann zielgerichtet eingesetzt werden kann.

Spannung und Loslassen

Tai Chi ist eine Bewegungskunst die uns verändert, transformiert. Es entsteht ein neuer Mensch, im englischen spricht man hier von der „Tai Chi Creature“. Von einem ursprünglich auf Muskelkontraktion ausgerichteten Bewegungsablauf hin zu einem Menschen dessen Bewegungs- und Energieablauf primär faszial gesteuert wird.

Die Energie des Tai Chi erzeugen wir durch, entspannen, dehnen und loslassen des ganzen Muskel- Fasziensystems unseres Körpers. Ähnlich wie ein Bogen der gespannt wird und der erst durch Loslassen seine Energie frei gibt um den Pfeil abzuschießen.

Das rote Riesenkänguru Australiens wird etwa 1,80 m groß und kann bis zu 80 kg schwer werden. Im schnellen Lauf kann es Sprünge von bis zu 10 m Weite erreichen, wobei es bei diesen schnellen und weiten Sprüngen weniger Energie verbraucht, als im langsamen Sprung. Diese erstaunliche Energie wird durch ein Katapulteffekt erreicht, den das Känguru ausnutzt. Im Niedersprung bei der Landung laden sich, aufgrund des Gewichts, die mächtigen Faszien seiner Hinterbeine durch Komprimierung auf und die dort gespeicherte Energie wird dann beim Absprung losgelassen und abgegeben.

Tai Chi als „inneren Kampfkünsten“ nutzt diese expolsive Energie unserer Faszien. Auch unsere große Fußfaszie, die Plantarfaszie, ist die stärkste Faszie in unserem Körper.

In einem langen Übungsprozess muss man lernen die Faszien zu trainieren und ihr Spannungszustände zu beherrschen. Wichtig ist, dass man darauf achtet auf reine Muskelkraft zu verzichten und den Bewegungsvollzug zu jeder Zeit mental zu steuern.

Dies ist ein langer, fortlaufender Prozess der Zeit für seine Entwicklung benötigt.

Den wahren Meistern des Tai Chi gelingt es zudem, mit dem Körperkontakt über die Faszien in das Nervensystem des Partner oder Gegner einzudringen um dann, wie ein Virus in einem Computer, die Steuerung zu übernehmen. Mit meinen 45 Jahre Erfahrung in den externen Kampfkünsten, habe es selbst am eigenen Körper erfahren. Man ist wie gelähmt, kann weder agieren noch reagieren, man verliert sein Gleichgewicht, seine Körperkontrolle und ist wie eine Marionette dem Puppenspieler hilflos ausgeliefert.

Shen, Ting, Qi und Yi

Kampfkunst im Tai Chi heisst daher auch, alle äußeren Einflüsse, alles Externe auszuschalten, mental still zu werden und nach innen zu gehen und eine enge Verbindung, eine Harmonie, von Körper, Intellekt und Emotion herzustellen. Im Tai Chi sprechen wir hier von der Verschränkung, vom bewußten zusammenfließen von Shen, Ting, Qi und Yi. Shen ist das Bewußtsein, Qi die Lebensenergie, Ting das nach innen Lauschen und hineinhöhren in den eigenen und fremden Körper und Yi ist zuallererst die innere Aufmerksamkeit und Fokkussierung. Ohne diese „inneren“ Vorgänge gibt es kein echtes, autentisches Tai Chi.

Was sich mit 74 noch trainieren lässt

Kann man mit 74 noch Muskeln, Beweglichkeit und Reaktionsfähigkeit trainieren wie ein deutlich jüngerer Mensch?

Ja man kann, die Forschung bestätigt dies seit vielen, vielen Jahrzehnten. Man kann all diese Fähigkeiten trainieren und durch adäquates Training auch steigern.

Das System Mensch – Körper, Intellekt und Emotionen – reagiert auf Reize und passt sich den Reize an. Gerade im Alter, wenn man seine körperliche Fitness erhalten oder steigern möchte ist Bewegung die einzige Wahl.

Die medizinische Abteilung der Harvard Universität hat eine Rangfolge der gesündesten Sportarten ermittelt.

An erster Stelle steht das Schwimmen, gefolgt von Tai Chi, Krafttraining und dann, man beachte, Spazierengehen. Es sind nicht die harten Workouts der Jüngeren gefragt um im Alter fit zu bleiben.

Leider hat man bei der wissenschaftlichen Untersuchung von Harvard die Neuroplastizität, dass Lernen des Gehirns vernachlässigt. Auch das Gehirn kann und sollte bis ins hohe Alter geschult werden.

Neuste Untersuchungen zeigen den positiven Einfluss des Tai Chi im Bereich des Gehirntrainings. Die innere Kampfkunst wird deshalb bereits sehr erfolgreich im Bereich der Rehabilitation und bei Fällen von beginnender Demenz eingesetzt. Für mich steht daher Tai Chi an erster Stelle.

Warum er auch bei Hitze trainiert

Sie trainieren offenbar auch bei fast 40 Grad im Schatten. Ganz ehrlich: Warum tut man sich das freiwillig an?

Kung Fu. Dieser chinesische Begriff wird allgemein mit chinesischer Kampfkunst gleichgesetzt. Wörtlich übersetzt bedeutet Kung Fu aber „emsiges Bemühen“ oder auch „harte Arbeit“.

Beides trifft auf echtes, ursprüngliches Tai Chi zu. Ohne Kung Fu kein Tai Chi. Hitze oder Kälte, Unlust oder Müdigkeit, negative Gefühle, vor allem Frustrationen, all dies gilt es mit Kung Fu zu überwinden.

Tai Chi bedeutet, sich auf einen Weg der Veränderung zu begeben. Ein Weg, der wie alle Wege mit Höhen und Tiefen verbunden ist. Die dabei einhergehende Transformation d.h. Veränderung von Körper, Geist und Seele ist nicht nur spannend und herausfordernd sondern eben auch sehr sinnstiftend und sinnerfüllend.

Vom Florettfechten zu Karate und Taekwondo

Sie waren früher Lehrer. Was hat Sie zum Karate, Kickboxen und den inneren Kampfkünsten geführt? Gab es einen Moment, an dem Sie gesagt haben: „Das wird jetzt mein Ding“?

Ich habe mit 9 Jahren das Florettfechten begonnen, musste aber diesen schönen Sport nach 2 Jahren wegen Wegzug leider aufgeben. Aber bereits damals war mein Interesse am Kampfsport extrem geweckt.

Es war dann 1969, ich war damals 17 Jahre alt, als ich mit einem Freund nach dem Tauchtraining in einer Stehpizzeria war. Plötzlich machte er seltsam auffällige Bewegungen mit den Armen und Händen worauf ich ihn fragte was er da mache. Die Antwort war, „ich mache Karate“. Karate war zu dieser Zeit in Deutschland nahezu unbekannt und ein absoluter Nischensport, ich hatte jedoch schon davon gehört und war sofort interessiert mitzumachen.

Nach der ersten Übungsstunde im Karateverein war ich begeistert und angesteckt von diesem Sport und dieser Kunst. Diese Faszination und Passion begleitet mich bis heute.

Jahre päter habe ich dann selbst die Vereinsleitungen übernommen. Die Zusammenarbeit mit meinen Karate-Schülern und die Leitung des Karate-Unterrichts hat mir später in meinem Lehrerberuf vieles erleichtert.

Schon früh habe ich parallel zu Karate auch Taekwondo trainiert, da mich diese Kampfkunst wegen ihrer Mobilität und Explosivität der Titttechniken fasziniert hat. Ich habe dort Tritttechniken kennengelernt die erst viele Jahre später auch im Karate aufgekommen sind. Während meines Studiums in Bonn habe ich dann viele Jahre mit sehr erfolgreichen Taekwondokas trainieren können. Ich erinnere mich sehr gerne an die intensiven Trainingseinheiten mit Dr. Thomas Fabula dem Europameister von 1982 und Vizeweltmeister von 1983 und den Unterricht von Prof. Dr. Wolfgang Dahmen der bereits 1975 Vizeweltmeister geworden war. In den sogennanten „externen Kampfkünsten“ waren dies meine eigentlichen Lehrjahre. In all dieser Zeit hat mich Jürgen Knees als Trainings- und Kampfpartner begleitet. Zum Abschluss meines Sportexamen habe ich dann meine Examensarbeit über „Modernes Karate“ geschrieben und dort meine Einsichten und Erkenntnisse aus den externen Kampfkünsten festgehalten.

Was Kampfkunst mit Lernen zu tun hat

Sie hatten vielleicht auch Schüler, denen das Lernen schwer gefallen ist, die nicht mitkamen – haben Sie denen die Kampfkunst empfohlen?

Als Lehrer muss ich da etwas ausholen. Was ist das Geheimnis des Erfolgs? Es ist der Erfolg, gerade auch im Bereich des Lernens. Niederlagen und immer wiederkehrende Misserfolge führen nicht zum Erfolg, machen uns mutlos und frustriert. Also sollten wir alle darauf bedacht sein, uns anvertrauten jungen Menschen durch eine kluge Pädagogik den Weg zu eröffnen Erfolg zu haben. Dies gelingt um so leichter, je größer das Interesse des Lernenden ist. Dieses primäre Interesse zu wecken ist der Schlüssel zum Erfolg. Wir müssen unseren Kindern diese Möglichkeit schaffen dieses Interesse herauszufinden.

Es muss daher nicht, kann aber auch eine Kampfkunst sein oder irgend ein anderes Metier. In der Schule habe ich Karate in einer Arbeitsgemeinschaft am Nachmittag angeboten die gut angenommen wurde. Viele Schüler sind dann auch zu mir in den Verein gekommen und waren mit Begeisterung dabei. Einige betreiben bis heute mit über 40 Jahren noch Karate und inzwischen auch bei mir Tai Chi, was mich immens freut.

Ein prägendes Erlebnis und der Weg zur Selbst-verteidigung

Gibt es eine prägende Geschichte aus Ihrem Kampfkunstleben?

Sicherlich einige, aber besonders tief getroffen hat mich der Tod einer 16 jährigen Schülerin unserer Schule. Sie wurde erst viele Tage nach ihrem Verschwinden tot auf dem angrenzenden Gelände der Schule gefunden, Opfer eines Gewaltdeliktes. Täter war ein Bekannter aus der Jugendgruppe, nur wenig älter als sie.

Dies war auch der Anlass, mich intensiver mit dem Thema Selbsverteidigung auseinanderzusetzen und mein Wissen in zahlreichen Selbstverteidigungskurse zu vermittelt. Später habe ich dann die Anleitung „Selbstverteidigung für Frauen und Mädchen“ im Klett-Verlag veröffentlicht.

Mir war und ist es wichtig 2 Prämissen aufzuzeigen und zu erklären.

Erstens: Gewalt zu begegnen bedeutet zu aller erst Prävention, d.h. Situationen frühzeitig zu erkennen und einzuschätzen, um so die eigentliche Aggression gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Zweites: Bei Sexualdelikten ist in der überwiegenden Zahl der Fällen nicht der Sex die sogenannte Triebfeder. Es ist primär der Faktor Macht über einen anderen Menschen der den Täter antreibt. Daraus lässt sich ein geeignetes und abwehrendes Verhalten ableiten. Wenn es um Macht geht heißt die Ultima Ratio: „Wehr dich!“

Was viele über Kampfsport falsch einschätzen

Was ist die häufigste falsche Vorstellung über Kampfsport? Muss man dafür besonders stark, gelenkig oder mutig sein?

„In einem Jahr zum Schwarzgurt … und dann ist man nahezu unbesiegbar“.

„Das sind doch alles Schläger“ oder, „da zählt nur Gewalt“.

Alle, auf die das zutrifft, sind nach 1 Jahr echten Trainings nicht mehr dabei. Wer fünf Jahre schafft, kann bei fleißigem Training den Schwarzgurt erreicht haben. Wer 10 Jahre dabei bleibt, für den ist Kampfsport keine Episode mehr. Spätestens ab 20 Jahren ist es Passion, Lebensinhalt, Teil eines selbst.

Viele große Meister waren in ihrer Kindheit und Jugend eher kränklich und körperlich schwächliche Typen. Der Weg der Kampfkunst hat sie zu einem anderen Menschen gemacht.

Kampfsport, Kampfkunst ist ja ein Weg, (jap. Do – chin. Dao). So wie der Mensch im Laufe seiner Entwicklung lernt, so lernt man all die notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten durch stehtes und beharrliches Üben, eben durch Kung Fu.

Im Tai Chi beginnen wir übrigens mit dem richtigen Stehen auf 2 Beinen.

Was sich heute schon ausprobieren lässt

Wenn wir einen Gedanken von Ihnen mitnehmen dürften: Was sollten wir noch heute ausprobieren?

Wer rastet der rostet: Bewegung, auch „nur“ Spazierengehen, öfters entspannen und loslassen und wichtig, Freunde und positive Gedanken pflegen.

Warum zum Training auch Pausen gehören

Gibt es eigentlich einen Punkt, an dem Sie sagen: „Jetzt reicht’s mit Training – heute mache ich einfach mal gar nichts“?

Jeder passionierte Sportler weiß, dass Trainingspausen sehr wichtig sind, manchmal wichtiger als das Üben und Trainieren selbst.

Körper, Geist und Seele müssen Schritt halten können mit der Belastung, gerade im Alter. Erfahrene Sportler hören hier auf ihren Körper.

In jungen Jahren mag der Kopf oft die Höhe der Belastung für den Körper bestimmen. Im Alter ist es sinnvoll dies umzukehren. Daher fahre ich an einem Tag in der Woche mein normales Übungspensum stark zurück und beschränke mich auf einige Qi Gong Übungen.

Die Vernunft und der Körper sagt: „Das ist OK“. Denn Tai Chi ist wie gesagt ein Weg der Tranformation mit der steten Entwicklung hin zu Balance und Harmonie. Mit der Zeit wird alles was wir machen zu Tai Chi, da gibt es dann eh keine Pausen.

Bad Kreuznach, den 20. Oktober 2026
Udo Reichmann


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