Klaus Müller-Guntau – der Mann, der mir eine Tür zum Karate öffnete
Eine persönliche Erinnerung an einen besonderen Menschen, an Japan, Hirokazu Kanazawa – und an eine Begegnung, deren Wirkung ich damals noch nicht ahnen konnte.
Manche Menschen begleiten uns nur für eine bestimmte Zeit – und hinterlassen dennoch Spuren, die ein ganzes Leben lang sichtbar bleiben.
Für mich war Klaus Müller-Guntau ein solcher Mensch.
Als Student wohnte Klaus als Untermieter in der Einliegerwohnung unseres Elternhauses in Bonn. Für uns war er bald weit mehr als nur ein Mieter. Wir waren gut befreundet, und besonders mich beeindruckte seine lässige, etwas unkonventionelle Art.
Ich war damals etwa 14 Jahre alt.
Klaus hatte mehrere Jahre in Japan verbracht und dort die japanische Sprache studiert. Drei Jahre Japan – das war Anfang der 1970er-Jahre für einen Jugendlichen in Bonn eine andere Welt.
Und Klaus brachte ein Stück dieser Welt mit nach Hause.
Geschichten aus einem damals noch sehr fernen Japan
Klaus erzählte immer wieder von Japan, von seinen Erlebnissen und Begegnungen. Ich hörte ihm gerne zu.
Er erzählte allerdings nicht, um sich selbst wichtigzumachen. Das weiß ich heute noch besser, nachdem mir seine Frau Wiebke von ihren Erinnerungen an diese Zeit berichtet hat.
Klaus sprach offenbar viel lieber über die kleinen Dinge des japanischen Alltags als über seine eigenen Leistungen: darüber, dass es keine Dusche gab, oder über einen Salzspender neben dem Wasserhahn.
Und natürlich erzählte er von Karate.

Bildunterschrift: Japan, Anfang der 1970er-Jahre – eine Szene, von der kein Foto geblieben ist. So könnte Klaus das Karatetraining unter Hirokazu Kanazawa erlebt haben. KI-generierte Erinnerungsillustration nach seinen Erzählungen und historischen Bildvorlagen – keine historische Aufnahme.
Sein Lehrer: Hirokazu Kanazawa
Während seines Aufenthalts in Japan übte Klaus traditionelles Karate – und trainierte bei keinem Geringeren als Hirokazu Kanazawa, einem der bedeutenden Shotokan-Karateka seiner Generation.
Bei Kanazawa legte Klaus auch die Prüfung zum 1. Dan, zum schwarzen Gürtel, ab.
Jahre später entdeckte Klaus in Berlin-Kreuzberg zufällig ein Plakat, auf dem Kanazawa abgebildet war.
Seine Reaktion gegenüber Wiebke war offenbar typisch Klaus:
„Guck – mein Lehrer!“
Mehr Aufhebens musste man darum offensichtlich nicht machen.
„Was macht der Klaus denn da?“
Für mich war Klaus der erste Mensch, durch den Karate überhaupt in mein Leben trat.
Manchmal sah ich ihn irgendwelche für mich ziemlich merkwürdigen Bewegungen machen. Er meditierte auch.
Was genau er da tat und was dahinterstand, verstand ich als Vierzehnjähriger vermutlich kaum.
Aber es faszinierte mich.
Da war etwas Fremdes, Ruhiges und zugleich Kraftvolles. Und da war dieser Mann, der tatsächlich in Japan gelebt hatte und Dinge kannte, die zu meiner damaligen Lebenswelt überhaupt nicht gehörten.
Ich konnte nicht ahnen, dass Karate später selbst zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens werden würde – dass ich eines Tages ebenfalls Danträger sein, unterrichten und über Jahrzehnte Menschen im Karate begleiten würde.
Klaus hatte eine Tür geöffnet, ohne vermutlich zu wissen, dass er das tat.
Viele Jahre später begegneten wir uns wieder
Irgendwann in den 1980er-Jahren trafen Klaus und ich uns wieder in Oedekoven.
Inzwischen hatten sich die Rollen auf eine eigentümliche Weise verändert: Ich war selbst Danträger geworden.
Ich lud Klaus ein, mich zum Karatetraining am Sportwissenschaftlichen Institut der Universität Bonn zu begleiten.
Das war für mich ein besonderer Moment.
Nun nahm ich den Mann mit zum Karate, durch den ich als Jugendlicher überhaupt zum ersten Mal mit dieser Kampfkunst in Berührung gekommen war.

Bildunterschrift: Aus der jugendlichen Faszination wurde ein eigener Weg: Karate sollte mich über Jahrzehnte begleiten. Photo: Gym am SWI zu Bonn.
„Technik gut – aber es fehlt der Zanshin“
Eine seiner Geschichten aus Japan ist mir besonders in Erinnerung geblieben.
Ausgerechnet am Tag der Beisetzung meines Vaters im Jahr 2009 erzählte Klaus mir noch einmal von seiner Danprüfung bei Kanazawa.
Er erinnerte sich sinngemäß daran, dass Kanazawa seine technischen Bemühungen durchaus anerkannt, ihm aber zugleich zu verstehen gegeben habe:
„Technik gut – aber noch kein echtes Karate. Es fehlt der Zanshin,“
Zanshin: Vor und nach der Technik fehlt die ununterbrochene Wachsamkeit.
Ob Kanazawa damals genau diese Worte gebrauchte, kann ich nicht wissen. Es ist die Erinnerung, wie Klaus sie mir Jahrzehnte später erzählte.
Aber offenbar hatte dieser Satz ihn über all die Jahre begleitet.
Vielleicht zeigt gerade diese Geschichte auch etwas von Klaus: Er erzählte von seiner Danprüfung nicht als Heldengeschichte. Im Gegenteil. Er erzählte ausgerechnet von der Kritik seines Lehrers.
Und er konnte darüber schmunzeln.
Man musste Klaus manchmal ausfragen
Durch Wiebkes Erinnerungen habe ich nach seinem Tod noch etwas über Klaus erfahren, das wunderbar zu dem Menschen passt, den ich kannte.
Seine Bescheidenheit war vielleicht gar keine Bescheidenheit im klassischen Sinne. Wiebke beschreibt sie eher – zumindest teilweise – als eine gewisse Verlegenheit, von sich selbst zu sprechen.
Man musste nachfragen.
Und manchmal noch einmal nachfragen.
Eine kleine Geschichte bringt das wunderbar auf den Punkt.
Klaus fragte Wiebke einmal beiläufig, was sie beim Yoga eigentlich anziehe.
Sie beschrieb es ihm und fragte zurück:
„Warum fragst du?“
„Na, wegen Karate.“
„Wieso? Wo denn?“
„Na, an der TU.“
Und erst durch weiteres Nachfragen stellte sich heraus:
Klaus hatte dort nicht einfach Karate trainiert. Er hatte selbst über mehrere Semester Karatekurse gegeben.
Typisch Klaus.
Ein Mensch, der zuhören konnte
Vielleicht war aber etwas anderes noch charakteristischer für ihn.
Klaus konnte zuhören.
Wiebke erzählt, dass ihre Freundinnen und Freunde immer sehr gerne mit ihm gesprochen hätten.
Er hörte zu. Er fragte nach.
Und dadurch vermittelte er seinem Gegenüber etwas, das keineswegs selbstverständlich ist: das Gefühl, wirklich ernst genommen zu werden.
Wiebke schrieb mir dazu einen Satz, den ich besonders schön finde:
„Ich hoffe, ich habe ein bisschen von ihm gelernt.“
Viel mehr kann man über die Wirkung eines Menschen eigentlich kaum sagen.

Bildunterschrift: Klaus Müller-Guntau – nicht nur Karateka und Japan-Kenner. Seine Frau Wiebke erinnert sich vor allem an einen Menschen, der zuhören konnte und andere ernst nahm.
„Duuu bist die Witwe von unserem Klaus?“
Wie nachhaltig Klaus bei anderen Menschen in Erinnerung geblieben ist, erlebte Wiebke noch im Herbst 2025 – fast 13 Jahre nach seinem Tod.
Sie nahm allein an einer geführten Bildungsreise nach Kappadokien in der Türkei teil.
Beim Essen saß sie mit einem sympathischen Paar zusammen. Man kam ins Gespräch, irgendwann ging es um Computer und berufliche Tätigkeiten.
Wiebke erwähnte beiläufig, dass ihr verstorbener Mann ebenfalls in diesem Bereich gearbeitet habe.
Dann fiel sein Name:
Müller-Guntau.
Die Reaktion ihres Gegenübers:
„Duuu bist die Witwe von unserem Klaus?“
Dabei war Klaus zu diesem Zeitpunkt schon seit rund 15 Jahren nicht mehr in dieser Firma gewesen.
Was für eine schöne Geschichte.
Vielleicht erzählt eine solche zufällige Begegnung mehr über einen Menschen als die Aufzählung seiner beruflichen Stationen.
Nach so vielen Jahren war er für ehemalige Kollegen offenbar immer noch:
„Unser Klaus.“
Sein letzter Weg – und zwei Dinge, die geblieben sind
Als Klaus starb, schloss sich für mich ein Kreis.
Mein Bruder Willfrid und ich fuhren nach Berlin, um ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten.
Mein Bruder durfte als Pfarrer die Trauerfeier gestalten.
Später übergab mir Wiebke zwei persönliche Dinge von Klaus:
seinen Karategi und seinen Karatepass.

Bildunterschrift: Klaus‘ Karategi und sein Karatepass wurden mir später von seiner Frau Wiebke übergeben. Für mich sind sie weit mehr als Erinnerungsstücke.
Diese beiden Dinge bedeuten mir tatsächlich mehr als bloße Erinnerungsstücke.
Sie erinnern mich an einen jungen Mann, der Anfang der 1970er-Jahre aus Japan in unser Elternhaus kam, einem Vierzehnjährigen von einer fremden Welt erzählte und ihm – wahrscheinlich ohne es selbst zu ahnen – eine Tür öffnete.
Durch diese Tür bin ich später selbst gegangen.
Manche Spuren bleiben
Klaus hinterließ Spuren.
Bei ehemaligen Kolleginnen und Kollegen.
Bei Freunden.
Bei den Menschen, denen er zuhörte.
Bei seiner Frau Wiebke.
Und auch bei einem vierzehnjährigen Jungen in Bonn, der ihm bei seinen merkwürdigen Karatebewegungen zusah, seine Meditation beobachtete und seinen Geschichten aus Japan lauschte.
Dieser Junge war ich.
Was damals mit meiner Neugier auf Klaus‘ Geschichten und diese fremdartigen Bewegungen begann, wurde später zu einem wichtigen Teil meines eigenen Lebens.
Vielleicht liegt genau darin eine der schönsten Formen von Erinnerung:
Ein Mensch gibt uns etwas mit, ohne zu wissen, wie weit wir es einmal tragen werden.
In dankbarer Erinnerung an Klaus Müller-Guntau.
Hinweis zur Illustration
Die im Beitrag verwendete Darstellung einer Trainingsszene in Japan ist eine KI-generierte Erinnerungsillustration. Sie stellt kein historisches Ereignis fotografisch dar und erhebt insbesondere nicht den Anspruch, Klaus Müller-Guntau während seiner Zeit in Japan authentisch abzubilden. Sie soll eine Situation sichtbar machen, wie sie sich nach seinen überlieferten Erzählungen zugetragen haben könnte.



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